Familienpolitik

Eine Politik für Familien, die mit der Zeit geht

Die Europäer bekommen immer weniger Kinder. Das gilt für Deutschland in besonderem Maße. Die Geburtenrate liegt, zumindest im Westen des Landes, seit etwa Mitte der 1970er Jahre bei rund 1,4. Die Kindergenerationen ersetzen die Elterngenerationen damit zahlenmäßig nicht. Die alten Bundesländer nehmen zudem bei der Kinderlosigkeit im europäischen Vergleich einen unrühmlichen Spitzenplatz ein: Etwa ein Fünftel der westdeutschen Frauen bleibt heute kinderlos – doppelt so viel wie in den neuen Bundesländern. Der Anteil an hochqualifizierten Frauen, die ohne Kinder leben, ist besonders hoch. Und auch der Kinderwunsch von Männern und Frauen liegt mit etwa 1,7 unterhalb des Bestanderhaltungsniveaus.

Warum ist das so? Der Geburtenrückgang, der gemeinsam mit der steigenden Lebenserwartung das Altern der Bevölkerung bewirkt, ist Teil eines weltumspannenden, langfristigen Wandlungsprozesses, der in Europa bereits im 19. Jahrhundert begann. Das Thema ist somit weder neu, noch ist es auf Deutschland oder Europa beschränkt. Die Veränderungen des Geburtenverhaltens gehen mit einer Fülle von Veränderungen der Lebensentwürfe sowie der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen für Familien einher: Die Familienformen haben sich ebenso verändert wie die Arbeitswelt mit ihren Anforderungen und Möglichkeiten. Frauen nehmen in zunehmendem Maße Bildungsmöglichkeiten wahr und messen ihrer beruflichen Entwicklung eine immer größere Bedeutung bei. Schon wird von einem entstehenden Nicht-Familiensektor in der Gesellschaft gesprochen, in dem Kinder nicht vorkommen und bisweilen nicht einmal vermisst werden. Dass Kinder für die eigene Altersversorgung eine Rolle spielen – das ist lange her. Heute gilt eher, dass man sich das Kinderhaben leisten können muss.

Doch was bedeutet es, wenn die Geburtenrate sich auf einem so niedrigen Niveau über Jahrzehnte einpendelt wie das in Deutschland der Fall ist? Mit seinem frühen Absinken der Geburtenrate in den 1970er Jahren war Deutschland einer der Vorreiter bei der Entwicklung zu einem kinderarmen Land. Inzwischen ist Deutschland als Schlusslicht der Geburtenraten von einigen Ländern West- und Mittel-Osteuropas abgelöst worden. Und doch ist es so, dass die Kinder, die in den vergangenen 40 Jahren nicht geboren wurden, heute und morgen als Eltern fehlen.

Angesichts der früh eingebrochenen Geburtenzahlen und angesichts der bereits spürbaren Auswirkungen hätten wir in Deutschland eigentlich auch bei der Diskussion um Ursachen, Konsequenzen und Gegenmaßnahmen Vorreiter sein müssen. Dem ist jedoch nicht so. Eine Gesellschaft ohne Kinder verändert sich, verliert an Lebendigkeit und möglicherweise an Dynamik und Innovationskraft. Doch erst vor dem Hintergrund der Einsicht, dass mit den Kindern auch die Beitragszahler für die sozialen Sicherungssysteme fehlen, wurde die politische Diskussion um die Armut an Kindern wirklich laut.

Viel zu lange von manchen Politikern als „Gedöns“-Thema diffamiert und spät entdeckt, erlebt die Familienpolitik inzwischen in Deutschland eine neue, bisher ungekannte Phase der Beachtung. Dabei wird eine Frage immer häufiger gestellt: Kann und soll die Familienpolitik überhaupt auf die Stabilisierung, gar auf die Erhöhung der Geburtenrate Einfluss nehmen?

Tatsächlich ist es höchst umstritten, ob familienpolitische Maßnahmen direkten Einfluss auf die Geburtenrate nehmen können. Die historische Betrachtung zeigt, dass Bevölkerungspolitiken, vor allem in autoritären Staaten, deren explizites Ziel die Steigerung der Geburtenrate war, vielfach zweifelhafte Maßnahmen und Maßstäbe einbanden und im Nachhinein keine gesellschaftliche Unterstützung erfuhren. Zudem wird Strategien, die Menschen dazu bewegen möchten, mehr Kinder zu bekommen als sie sich wünschen, keine große Erfolgsaussicht bescheinigt. Gerade hierzulande gab und gibt es massive Vorbehalte gegen eine pronatalistische Politik, insbesondere dann, wenn der Eindruck entsteht, dass dies zu Lasten des Selbstbestimmungsrechts und der gesellschaftlichen Stellung von Frauen gehen könnte.

Vielmehr muss der Ansatz sein, die Lücke zwischen der gewünschten und der tatsächlichen Kinderzahl zu schließen. Heute besteht die Herausforderung zunehmend darin, die Lebens- und Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass Männer und Frauen ihre Kinderwünsche verwirklichen können, ohne dass sie ihre Teilhabe an anderen gesellschaftlichen Sphären massiv einschränken müssen. Sie müssen sich für ein Familienleben entscheiden können, ohne dabei zwangsläufig Benachteiligungen beim Familieneinkommen oder Beeinträchtigungen bei den beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten in Kauf nehmen zu müssen. Und das muss für Väter und Mütter gelten. Denn unter den gegenwärtigen Bedingungen sind Familien mit einem, meist dem väterlichen, Verdiener zunehmend wirtschaftlichen Unsicherheiten ausgesetzt.

Wir stellen jedoch fest, dass bislang die familienpolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland eher ein traditionelles Familienmodell unterstützt haben. Insbesondere Frauen, die überwiegend allein den Erziehungsurlaub in Anspruch genommen haben, wurde die Rückkehr in den Beruf nach der Geburt eines Kindes erschwert. In Westdeutschland sind Betreuungsplätze weiterhin vor allem für die ganz Kleinen unter drei Jahren und für Schulkinder rar.

Bei der Suche nach Beispielen mit Vorbildcharakter wendet sich der Blick häufig nach Norden. In den skandinavischen Ländern sind die Geburtenraten höher. Gleichzeitig stehen mehr Frauen im Beruf. Der Beobachter gewinnt, etwa bei der Betrachtung Schwedens, den Einruck eines modernen Landes mit diversen Familien- und Lebensformen sowie mit einem hohen Maß an Gleichberechtigung, Wohlstand und Innovationsfreudigkeit. Was machen die Schweden anders? Oder einfach gesagt: Warum sind sie modern und haben doch mehr Kinder?

Überraschend ist, dass in Schweden eigentlich keine separate Familienpolitik gemacht wird. Die Maßnahmen zielen nicht darauf, die Geburtenrate direkt zu beeinflussen. Die auf Individuen ausgerichtete Politik unterstützt vielmehr die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Männer und Frauen und fördert damit die Gleichberechtigung.

Pauschal lässt sich nicht sagen, ob das schwedische Modell übertragbar ist, um eine zukunftsweisende, familienunterstützende Politik in Deutschland zu befördern. Einzelne Elemente wie der Ruf nach einem umfassenden Kinderbetreuungssystem oder das Elterngeld, das ein Jahr nach der Geburt einen einkommensabhängigen Lohnersatz für ein Elternteil bietet, sind schon in die Diskussion eingegangen. Lernen kann man aus der Betrachtung anderer familienpolitischer Strategien viel. Dass familienfreundliche Bedingungen nun überhaupt angestrebt werden, ermutigt bei der Suche nach konkreten Lösungen für eine verbesserte Familiensituation in Deutschland.

Kristín von Kistowski
Michaela Kreyenfeld
Gerda Neyer
Dirk Konietzka
Überarbeitung: Stephanie Mohneke