Zuwanderung

Die Bevölkerungsentwicklung eines Landes wird durch drei Determinanten bestimmt: Sterblichkeit, Geburtenhäufigkeit und Zu- bzw. Abwanderungen. Deutschlands Bevölkerungsentwicklung war seit jeher maßgeblich bestimmt durch die dritte demografische Determinante. War das Land im späten 19. Jahrhundert noch ein Auswanderungsland gewesen, so entwickelte es sich seit Ende des Zweiten Weltkrieges zu einem Einwanderungsland.

Nach massiven Zuwanderungswellen aufgrund der Integration Vertriebener nach dem Krieg und der Anwerbung von Arbeitskräften aus der Türkei, Italien, Spanien und Griechenland in den 1950er und 1960er Jahren, verlief die Migration in Deutschland erneut äußerst wechselhaft in den vergangenen Jahrzehnten.

Ein Grund dafür ist, dass Immigration bis zur Verabschiedung des deutschen Zuwanderungsgesetzes im Jahr 2004 weitgehend ungesteuert erfolgte. 1992 konnte noch ein Migrationssaldo von rund +782.000 verzeichnet werden. Dieses verringerte sich in den darauffolgenden Jahren kontinuierlich, bis schließlich ein Saldo von lediglich rund +47.000 im Jahr 1998 zu vermerken war. In den Jahren 1999 bis 2007 schwankte das Niveau dann zwischen circa +23.000 (2006) und +219.00 (2002). In den Jahren 2008 und 2009 lag ein negatives Wanderungssaldo vor, d.h. es wanderten mehr Menschen aus als ein. Seit 2010 ist jedoch wieder ein deutlicher Anstieg zu melden. Während 2010 ein Migrationssaldo von rund +128.000 vermerkt werden konnte, lag dieses im Folgejahr um rund 150.000 und 2012 um weitere 90.000 höher. Im Jahr 2013 lag ein Wanderungsüberschuss von 437.000 Personen vor – dies ist der höchste Wert seit 1993.

Neben internationalen Wanderungsströmen ist im Hinblick auf den Demografischen Wandel in Deutschland das Phänomen einer ausgeprägten Binnenwanderung von Bedeutung. Seit der Vereinigung beider deutscher Teilstaaten 1990 ist ein Migrationsstrom von Ost nach West zu verzeichnen. Überdurchschnittlich viele junge Frauen verlassen die östlichen Bundesländer, um bessere Ausbildungschancen im Westen wahrzunehmen. Diese Wanderungsbewegung führt zu einer weiter sinkenden Geburtenrate und einer stärkeren Bevölkerungsalterung in dieser Region. Insbesondere zwischen dem Mauerfall 1989 und 1991 war eine hohe Abwanderung festzustellen. Das Wanderungssaldo lag hier zwischen rund +383.000 und +169.000. In den Folgejahren flachten die Werte bis zu einem Wanderungsüberschuss von +10.000 im Jahr 1997 ab. Zwischen 1998 und 2001 erfolgte eine neue Wanderungswelle von den neuen Bundesländern in die alten (+31.000; +98.000), welche danach kontinuierlich abschwächte. Im Jahr 2011 betrug das Wanderungssaldo des früheren Bundesgebiets gegenüber den neuen Ländern und Berlin-Ost rund +8.900 Personen.

Um die Bevölkerungsalterung in den kommenden Jahrzehnten gänzlich aufzuhalten, wäre eine unrealistisch hohe Anzahl an Einwanderern notwendig, deren Integration Staat und Gesellschaft vor eine praktisch unlösbare Aufgabe stellen würde. Einige Auswirkungen des Demografischen Wandels, wie z.B. die abzusehende Verknappung des Arbeitskräftepotenzials in gewissen wirtschaftlichen Bereichen, ließen sich allerdings durch eine gezielte, bedarfsorientierte Zuwanderung abfedern. Dabei steht die Frage nach der Integrationsfähigkeit Deutschlands allerdings immer wieder im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion.

Harald Wilkoszewski
Überarbeitung: Stephanie Mohneke