Historische Geografie und Demografie Mecklenburg-Vorpommern

A History of Aging Societies – Rostocker Forschungsverbund Historische Demographie
Rembrandt Scholz, Stefan Kroll und Gabriele Doblhammer

Kurze Projektbeschreibung:
Rostock hat sich in den letzten Jahren zu einem deutschlandweit führenden, auch international anerkannten Zentrum der demographischen Forschung entwickelt. Entscheidend dazu beigetragen haben das „Max-Planck-Institut für demografische Forschung“, demographische Forschungsschwerpunkte an der Universität Rostock sowie Kooperationsprojekte beider Institutionen.
Trotz vielversprechender Ansätze fand die Historische Demographie hingegen in Rostock, wie in Deutschland allgemein, vergleichsweise wenig Beachtung – gerade auch verglichen mit dem europäischen und amerikanischen Ausland, wo ihre Institutionalisierung teilweise weit fortgeschritten ist. Die bislang geringe Beachtung, die der Historischen Demographie in Deutschland zuteil wurde, ist bedauerlich – trägt doch die Kenntnis der langfristigen geschichtlichen Entwicklung und Bedingtheit von Bevölkerungsentwicklungen wesentlich zu deren Verständnis bei. Zudem ist die Historische Demographie ein hochgradig interdisziplinär angelegtes Fach, von dem wesentliche Impulse auch für andere Disziplinen ausgehen können.

» Rostock Archive of Historical Vital Statistics Micro Data (RAPHIS)

Weitere Informationen unter: www.histdem.uni-rostock.de und histdem.de/histagsoc

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Das Greifswalder Seelenregister von 1717: Edition und wissenschaftliche Auswertung
Stefan Kroll

Kurze Projektbeschreibung:
1717 ließ Dänemark alle Städte, Ortschaften, Ackerwerke und Höfe seines neu erworbenen Territoriums Vorpommern von einer Kommission begutachtet, die eigens für diesen Zweck gebildet worden war. In den Städten wurden vom jeweiligen Magistrat Anzahl und Zustand der Gebäude, die städtischen Finanzen, Umfang und Beschaffenheit der kommunalen Ländereien, der Besitz an Vieh, die Einwohner sowie die von ihnen ausgeübten Berufe erfasst und die Angaben vor der Regierung beeidet. In diesem Zusammenhang wurden auf Befehl der Lustrationskommission in einigen Städten so genannte „Seelenregister“ ausgearbeitet, in denen nicht nur – wie sonst bei Steuerlisten und anderen Verzeichnissen der Bevölkerung zumeist üblich – die Haushaltungsvorstände, sondern sämtliche Mitglieder des Haushalts aufgeführt wurden. Das von der dänischen Krone veranlasste „Seelenregister“ von 1717 ist die früheste Quelle, die die Bevölkerung der Universitätsstadt Greifswald vollständig verzeichnet. Es befindet sich in je einem Exemplar im Dänischen Reichsarchiv Kopenhagen sowie im Stadtarchiv Greifswald und ist bisher von der Forschung nahezu unbeachtet geblieben.
Die Edition und wissenschaftliche Auswertung dieser ungewöhnlich detaillierten historisch-demographischen Quelle erlangt ihren besonderen Wert insbesondere dadurch, dass unter Anwendung prosopographischer Methoden eine vielfältige Verknüpfung mit anderen seriellen und deskriptiven Quellen möglich ist. Dazu zählen unter anderem ein ebenfalls 1717 erstelltes Kataster aller Wohngebäude der Stadt, eine Sammlung von ausführlichen Suppliken der Einwohner sowie die wenige Jahre zuvor durchgeführte Beschreibung und Vermessung sämtlicher Grundstücke der Stadt im Rahmen der so genannten schwedischen Landesaufnahme. Eine derartige Häufung und Konzentration miteinander kombinierbarer Quellen ist für die archivarische Überlieferung frühneuzeitliche Städte eine sehr seltene Ausnahme. Die Zusammenführung der Quellen mit Hilfe der Methode der personenbezogenen Verknüpfung lässt unter anderem weiterführende Aussagen zur parzellengenauen räumlichen Verteilung der gesamten Bevölkerung (Sozialtopographie), zur Erwerbsstruktur, zur Haushalts- und Familienstruktur, zur Qualität der Wohngebäude und zur Verbreitung der städtischen Armut zu.
Das Projekt ermöglicht auch über die lokalhistorische Dimension hinaus wesentliche neue Erkenntnisse, denn die Stadt Greifswald wies durch die Angehörigen ihrer Universität (die zweitälteste im gesamten Ostseeraum), durch die einquartierte Garnison und durch die Bediensteten der dänischen Verwaltung hinsichtlich ihrer – international zusammengesetzten – Einwohnerschaft eine besonders große Vielfalt auf.

» Publikation
» Online-Edition

Weitere Informationen unter: www.imf.uni-rostock.de

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Mecklenburg in der demografischen Transition des 18. und 19. Jahrhunderts (Pilot Projekt)
Gabriele Doblhammer, Rembrandt Scholz, Michael Mühlichen

Kurze Projektbeschreibung:
Mecklenburg-Vorpommern gehört in den nächsten Jahrzehnten zu den am stärksten alternden Regionen Deutschlands. Es wird daher oft als Laboratorium bezeichnet, in dem die mit der Bevölkerungsalterung verbundenen Probleme früher und stärker auftreten. Beruhen die heutigen demographischen Strukturen und zukünftigen Trends Mecklenburg-Vorpommerns auf seiner Vergangenheit oder sind sie das Ergebnis gegenwärtiger (sozial) politischer und ökonomischer Faktoren?
Der Ansatz des Forschungsprojekts besteht in der Analyse und Interpretation des demographischen Wandels in Mecklenburg in einer breiten historischen Perspektive seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Das Pilotprojekt begann damit, eine historisch-demographische Forschung in Rostock zu etablieren, die in einer intensiven, interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Geschichtswissenschaft und Demographie sowie Siedlungs- und Bauforschung bestand. Es wurden drei Teilbereiche bearbeitet.
(1) Es wurde ein Internetportal "Historische Demographie" aufgebaut, in dem zum einen die erarbeiteten Projektergebnisse veröffentlicht werden, und das zum anderen kontinuierlich zu einem Knotenpunkt für historisch-demographische Forschungen in Nord- und Mitteleuropa weiterentwickelt wird. (2) Es wurden die Informationen zu ca. 70.000 Mecklenburgern aus der ersten Volkszählung im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin des Jahres 1819 in Datenbanken übertragen, über das Internet zugänglich gemacht, regional vergleichend ausgewertet und in einem Historischen Informationssystem aufbereitet. (3) Es wurden Konzepte für eine langfristige Etablierung der Historischen Demographie in Rostock entwickelt. Hierzu wurde die internationale Forschung aufgearbeitet, die regionale Quellenlage recherchiert, mittel- und langfristige Forschungsinteressen formuliert und nationale und internationale Kooperationspartner gesucht.

Weitere Informationen unter: www.histdem.uni-rostock.de/pilotprojekt