Geschichte zur Demografie

Die Geburtsstunde der Demografie

Der 27. Februar 1661 ist ein geschichtsträchtiges Datum. Als John Graunt an diesem Tag um exakt 18.00 Uhr in London vor der Royal Society aus seinem Artikel „Natural and Political Observations Mentioned in a Following Index, and Made upon the Bills of Mortality“ vorlas, konnte er nicht ahnen, dass dies die Geburtsstunde einer neuen wissenschaftlichen Disziplin war, und er der „Gründervater“. 2008 feiert die Demografie also bereits ihren 347. Geburtstag. Doch warum waren Graunts Untersuchungen so bahnbrechend?

Lange vor der Existenz der Demografie als wissenschaftliche Disziplin wurden bereits der Umfang und die Entwicklung der Bevölkerung erfasst. Schon im Römischen Reich ließ Kaiser Augustus die Bevölkerung zu militärischen und steuerpolitischen Zwecken schätzen. Auch im Mittelalter und in der Renaissance wurden viele Bevölkerungsschätzungen durchgeführt, wie beispielsweise im „Domesday Book“ von 1086 in England oder im „Comprehensive Survey“ in Florenz 1427 dokumentiert. Wissenschaftlich fundierte Verfahren zur statistischen Aufbereitung von Bevölkerungsdaten waren in dieser Zeit jedoch noch weitgehend unbekannt. Die systematische Sammlung und Auswertung statistischer Daten begann erst im 17. Jahrhundert. Den Grundstein dafür legte John Graunt.

Graunt wurde 1620 als Sohn eines Londoner Stoffhändlers geboren und stieg nach der grundlegenden Schulausbildung in das Geschäft des Vaters ein. Während der Arbeit im Unternehmen seines Vaters begann er mit der Sammlung und Sortierung der seit 1604 wöchentlich aufgezeichneten Anzahl der Taufen, Beerdigungen und Eheschließungen innerhalb der Anglikanischen Kirche in London. Das Alter der Verstorbenen wurde zu diesem Zeitpunkt nicht erfasst. Mit diesen auch als „Bills of Mortality“ bezeichneten Registern stellte er Berechnungen und Analysen an. Die zusammengefassten Ergebnisse dieser Arbeit veröffentlichte Graunt 1662 dann in seinem Werk „Natural and Political Observations Made upon the Bills of Mortality“.

Dieses Buch gilt als das erste wissenschaftliche Werk der Bevölkerungsstatistik überhaupt, weil darin erstmalig Aussagen über die Bevölkerung auf Grundlage von numerischem Datenmaterial getroffen werden. So unternahm Graunt beispielsweise eine Schätzung der Londoner Bevölkerungsgröße und stellte die Auswirkungen der Pest auf die Geburts- und Sterbezahlen dar. Seine Untersuchungen führten unter anderem zu Korrekturen bei der Anzahl der an Pest verstorbenen Bürger: Sie lag um ein Viertel höher als die bisherigen Aufzeichnungen besagten. Zudem verglich Graunt die Mortalität zwischen London und dem ländlichen Bezirk Romsey. Seine Ergebnisse ließen ihn vermuten, dass die Sterblichkeit auf dem Land geringer war als in der Großstadt. Graunt demonstrierte anhand des Datenmaterials erstmalig, dass die Bevölkerung annähernd zu gleichen Anteilen aus Männern und Frauen besteht und das Geschlechterverhältnis bei Geburt über die Zeit konstant bleibt. Ein weiteres Novum war seine Annahme, es gäbe unterschiedliche Sterbewahrscheinlichkeiten in den verschiedenen Bevölkerungsgruppen.

Ein weiterer wichtiger Verdienst Graunts für die Disziplin der Demografie besteht in seinen Bemühungen bei der Erstellung einer ersten Sterbetafel. Zur Beantwortung der Frage nach der Anzahl der wehrfähigen Männer in London konstruierte er eine Übersicht über die Altersstruktur der lebenden Bevölkerung aus den Daten der Sterberegister. Die „Bills of Mortality“ lieferten ihm jedoch ausschließlich die Anzahl der Todesfälle nach ungefährer Todesursache, nicht nach Alter. Seine Idee: Er bestimmte die Sterblichkeit in der jüngsten und ältesten Bevölkerungsgruppe durch Zuordnung alterstypischer Todesursachen aus den Daten und schätzte die Sterbewahrscheinlichkeiten im mittleren Alter ab. Seine Sterbetafel ging von 100 Neugeborenen aus und zeigte auf, wie viele Menschen in dieser Geburtskohorte von Altersgruppe zu Altersgruppe überlebten. Nach seinen Berechnungen verstarben 36 Prozent der in London Neugeborenen vor dem sechsten Lebensjahr. Die wissenschaftliche Bedeutung von Graunts Werk, insbesondere hinsichtlich der damit verbundenen Begründung der Demografie, sind unbestritten. Nach ihrer Veröffentlichung wurden die „Natural and Political Observations“ so stark nachgefragt, dass Ende des Jahres bereits die zweite Auflage des Buchs erschien und Graunt in die Royal Society aufgenommen wurde. Der Einfluss dieses Werks ist bis in die heutige Zeit spürbar. Die darin niedergelegten Erkenntnisse über die Bevölkerungsstruktur Londons sind jedoch nicht das eigentlich Herausragende an seinem Werk. Noch heute beeindruckt, wie Graunt das limitiert verfügbare Datenmaterial kritisch würdigte und wie er, ohne einen akademischen Hintergrund zu besitzen, mittels selbst angeeigneter statistischer Verfahren dessen Lücken zu kompensieren und den Befund zu analysieren wusste.

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Quelle:
Hald, A. (1990). "John Graunt and the Observations made upon the Bills of Mortality, 1662". In: "A History of Probability and Statistics and their applications before 1750". Wiley New York, S. 81-105.

 

Der „Gründervater“ der Bevölkerungswissenschaft in Deutschland

Vor 300 Jahren wurde Johann Peter Süßmilch, der "Gründervater" der Bevölkerungswissenschaft in Deutschland, geboren.

Johann Peter Süßmilch stand in der Mitte seines Lebens, als er 1741 sein Aufsehen erregendes Werk "Die göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechts, aus der Geburt, Tod und Fortpflanzung desselben erwiesen" veröffentlichte. Er verfasste damit eine der ersten wissenschaftlich-systematischen Schriften über die Bevölkerungsstatistik in Deutschland überhaupt und wird deshalb auch als einer der "Gründerväter" der demografischen Forschung in Deutschland bezeichnet.

Am 3. September 1707 wurde Süßmilch als erstes von insgesamt sechs Kindern einer wohlhabenden Kleinunternehmerfamilie im heutigen Berliner Stadtteil Zehlendorf geboren. Schon während seiner Schulzeit zeigte sich sein starkes Interesse an Naturwissenschaften und Medizin. Auch wenn Süßmilch sich schließlich für das Studium der Theologie entschied, das er in Halle und Jena absolvierte, setzte er gleichzeitig doch seine naturwissenschaftlichen und mathematischen Studien fort. In diesen Jahren kam er mit Vertretern der Frühaufklärung und des Pietismus in Deutschland in Berührung. Zugleich erwachte seine Begeisterung für die Bevölkerungsstatistik, die ihn bis zum Ende seines Lebens nicht mehr losließ. Seine erste Stelle als Hauslehrer bot ihm den nötigen Freiraum für seine demografischen Studien. Nach kurzer Dienstzeit als preußischer Feldprediger war er zunächst Pfarrer in der Mark Brandenburg, dann in Berlin. Zugleich machte er sich als Wissenschaftler einen Namen. 1745 wurde er deshalb in die Akademie der Wissenschaften in Berlin berufen. Neben seinem Gelehrtendasein diente er dem König fortan in verschiedenen Ämtern, etwa im Leitungsgremium der evangelischen Landeskirche. Seine Kritik an der Infragestellung der göttlichen Ordnung durch eine allzu rationalistisch ausgerichtete moderne Wissenschaft und seine distanzierte Haltung zu der unter Friedrich dem Großen in Berlin vorherrschenden Frankophilie machte ihn zeitweise zum Außenseiter am Hof und an der Akademie. 1767 starb Süßmilch in Berlin an den Folgen eines Schlaganfalls.

Mit der "Göttlichen Ordnung" legte Süßmilch, darin vornehmlich von englischen Autoren beeinflusst, die mithin erste systematische Analyse zur Bevölkerungsstatistik in Deutschland vor. Süßmilch beschrieb demografische Phänomene, die noch heute zu den zentralen Ansatzpunkten der Bevölkerungswissenschaft gehören: das Heiratsverhalten, die Fertilität und die Geburtenrate, die durchschnittliche Lebenserwartung und Altersverteilung sowie die Höchstaltrigkeit, die Mortalitätsrate und die unterschiedlichen Todesursachen (insbesondere durch Krankheiten), Unterschiede bei Männern und Frauen, die Gesamteinwohnerzahl und die Verluste durch Abwanderung, der Geburtenüberschuss und das Bevölkerungswachstum, schließlich auch die unterschiedliche demografische Entwicklung in städtischen und ländlichen Räumen. Dabei verglich er verschiedene Länder und Regionen in Deutschland und Europa miteinander und beschrieb die demografische Entwicklung aus umfangreichen bevölkerungsstatistischen Daten, die er unter Anwendung mathematischer Methoden und in Sterbetafeln in Beziehung zueinander setzte. Auch wenn er im Ansatz soziale Faktoren für das demografische Verhalten erkannte und eine aktive staatliche Bevölkerungspolitik und Gesundheitsvorsorge forderte, sah er in der Entwicklung als Gesamtes doch eine Regelmäßigkeit, die er auf eine dem Menschen zugewandte "Vorsehung Gottes" zurückführte, insbesondere durch ein maßvolles Bevölkerungswachstum. In einer der ersten globalen Bevölkerungsprognosen errechnete er auf der Basis der "Tragfähigkeit" der Erde eine Obergrenze für die Weltbevölkerung von 7 Milliarden (derzeit liegt sie bei etwa 6,6 Milliarden).

Die "Göttliche Ordnung" fand große Beachtung in Europa und hatte großen Einfluss auf die Entwicklung der Bevölkerungswissenschaft. So hat etwa Thomas Robert Malthus das Werk intensiv rezipiert. In der 1761 erschienenen, erheblich überarbeiteten Auflage seines Buches hat Süßmilch viele Anregungen von kritischen Lesern aufgenommen, unter anderem des bedeutenden Mathematikers Leonhard Euler.

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Quellen:
Süßmilch, J. P. (1741): "Die göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechts: aus der Geburt, dem Tode und der Fortpflanzung desselben erwiesen".
Graf, F. W. (1996), Biographisch-bibliographisches Kirchenlexikon 11;
Hecht, J. (1987). Population Studies 41, 1987.
Birg, H. (Hg., 1986): "Ursprünge der Demographie in Deutschland: Leben und Werk Johann Peter Süssmilch’s".